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Margot KäßmannSie wettert gegen den Krieg in Afghanistan. Sie will die Gleichberechtigung von Homosexuellen und kritisiert Kirchen, die meinen, sie hätten die Wahrheit gepachtet. Margot Käßmann ist zurück im öffentlichen Leben und begeistert die Besucher des ÖKT wie keine andere. Ein Kommentar von Anne Hähnig

Manchmal, sagt Margot Käßmann, stürzt der Bach des Lebens herab. Die rund 4000 Zuhörer in der Messehalle C1 sind ganz still. Vor wenigen Minuten lachten sie noch. Da nämlich sagte die Pastorin, dass es Zeiten gebe, in denen der Mensch ein bisschen Hoffnung besonders gebrauchen könnte. Nach dem Verlust des Arbeitsplatzes zum Beispiel. Oder wegen einer roten Ampel. Hätten wir das also. Käßmann gab ihren Posten als Ratsvorsitzende der Evangelische Kirche im Februar auf. Eine Polizeistreife hatte sie mit 1,5 Promille Alkohol im Blut hinterm Lenkrad erwischt.

Nun, da Margot Käßmann zurück ist im öffentlichen Leben, erscheint sie bissiger, überzeugender und auch beliebter als jemals zuvor. Die Fotografen drängen sich um die kleine Frau aus Hannover, wo immer sie auftritt. Käßmann ist präsent und macht sich rar gleichermaßen. Sie tritt insgesamt zwölf Mal auf – Interviews jedoch gibt sie keine. Die jedoch braucht es auch nicht.

Die Pastorin spricht freiwillig und ungefragt die Themen an, mit denen sie schon vor ihrem Rücktritt provoziert hat. Afghanistan ist so ein Thema. „Ich lasse mich gern lächerlich machen, wenn Menschen mir sagen, ich sollte mich mit Taliban in ein Zelt setzen und bei Kerzenlicht beten“, sagt sie am Donnerstagmorgen. „In der dortigen Kultur ist das durchaus eine Form, Frieden zu schließen – jedenfalls wesentlich eher als das Bombardement von Tanklastzügen.“

Käßmann hatte Anfang des Jahres viel Kritik bekommen für die Behauptung, nichts sei gut in Afghanistan. Nun setzte sie sogar noch einen drauf. „Wo sind denn da Visionen für ein Leben nach der Sintflut?“, fragt die Pastorin. Einen „Vorrang für zivil“ könne sie nicht erkennen. Außerdem sei der Krieg eine reine Männerwelt. Die trauernden Frauen, sie blieben in Afghanistan wie in Deutschland namenlos.

Margot Käßmann

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Rund 20 Journalisten quetschten sich in die enge Pressezone, um Käßmanns Signierstunde zu verfolgen.

Immer wieder jubeln die Besucher des Kirchentags lautstark. Käßmann spricht sich bildhaft für die Gleichberechtigung von Homosexuellen aus. Sie wettert gegen „Kirchen, die meinen, sie hätten die Wahrheit schon fest wie einen Besitz“. Die Menschen mögen das. Sie kommen zu Tausenden. Sie rufen „Bravo“ und geben der ehemaligen Landesbischöfin aus Hannover stehende Ovationen.

Dabei sind es gar keine all zu neuen Weisheiten, die die Pastorin verkündet. Toleranz gegenüber Homosexuellen? Für die meisten kein Thema mehr. Raus aus Afghanistan? Keine revolutionäre Idee mehr. Eine unfehlbare Kirche? Kann es nicht geben. Käßmann denkt wie viele Menschen. Vielleicht auch wie viele Christen. Sie schwebt nicht bedeutungsschwanger auf einer Wolke theologischer Erhabenheit. Sie ist klug, sie ist direkt und sie ist menschlich.

Schließlich sei der Mensch, so sagt es Käßmann, ein Mängelexemplar. „Und wir dürfen uns lieben als Mängelexemplare.“ Diese Rede ist ein Zeichen der Selbstliebe und der Wiederauferstehung der öffentlichen Person Margot Käßmann. Gott sei Dank.

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In ihrer Bibelarbeit macht Margot Käßmann einen Posaunenchor aus der Schwäbischen Alb besonders glücklich. Mehr im Video.



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