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In fünf Jahren sollen sie erreicht sein: die Millenniumsziele der Vereinten Nationen. Aber ist das mit den bisherigen Instrumenten noch zu schaffen? Das fragten auch die Organisatoren des 2. ÖKT. Von Anna-Katharina Lenz

Entwicklungshilfe ist ein komplexes Thema. Es steht für Solidarität, für ein gerechtes Miteinander, für soziales Handeln und für das Denken über staatliche Grenzen hinweg. Es steht aber auch für Intransparenz, verbunden mit Fragen nach Effizienz und nach Spendenverwendung. Auf Grund der gebotenen Liebe zum Nächsten sind wir Christen angehalten, uns für Entwicklungshilfe einzusetzen. Doch wie machen wir sinnvolle Entwicklungshilfe? Was sind die Ansätze, die unsere Welt tatsächlich gerechter gestalten? Der 2. Ökumenische Kirchentag suchte Antworten auf diese Fragen in der eigenen Veranstaltungsreihe „Millenniumsziele“.

Die von den UN im Jahr 2000 ins Leben gerufenen Millenniumsziele können eine Orientierung darstellen für die Frage, welche Ziele es am dringendsten zu realisieren gilt. Sie sollen bis 2015 verwirklicht werden und sind ambitioniert: Halbierung von extremer Armut und Hunger; Grundschulausbildung für alle Kinder; Gleichstellung der Geschlechter in der Bildung und Stärkung von Macht und Einfluss der Frauen; Senkung der Kindersterblichkeit um zwei Drittel; Verbesserung der Gesundheit von Müttern; Bekämpfung von HIV/Aids und anderen Krankheiten; Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit sowie Aufbau einer weltweiten Entwicklungszusammenarbeit.

Das bislang Erreichte wird auf dem Ökumenischen Kirchentag kritisch gesehen: „Es gibt zwar eine positive Bilanz bei der Bekämpfung der absoluten Armut und überall dort, wo die Millenniumsziele mit der aktuellen Entwicklung der Länder einhergehen“, sagt Imme Scholz, stellvertretende Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik. „Aber dort, wo für die Millenniumsziele die Politik in den Ländern verändert werden muss, ist es schwierig. Entscheidungen werden vor Ort getroffen. In den meisten Entwicklungsländern gibt es keinen politischen Konsens darüber, dass man sich für die Stimme der Armen einsetzt.“ Und selbst dort, wo es ein wirtschaftliches Wachstum gibt, verbessert sich nicht die Situation aller Bevölkerungsgruppen. Joji Carino von der britischen Convention on Biodiversity Capacity Building kritisiert, dass zu den Ärmsten nach wie vor die indogene Bevölkerung gehört, also jene Menschen, die schon vor der Kolonialisierung im Land gelebt haben. Sie werden von Klimaveränderung und Umweltproblemen am härtesten getroffen.

Audio: Professor Johannes Wallacher, Sozialwissenschaftler aus München, fasst die Veranstaltungsreihe „Millenniumsziele“ zusammen

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Auch wenn die Richtung der Entwicklungshilfe mit den Millenniumszielen feststeht, bleibt die Frage, wie sie am effizientesten umgesetzt werden. Auf der Veranstaltungsreihe beim 2. ÖKT wird viel über die Makroebene diskutiert: die Verantwortung der Politik der einzelnen Staaten, die Aufgaben Europas, die Strukturierung der UN, eine Finanztransaktionssteuer für die Armen. Der FDP- Staatssekretär Hans-Jürgen Beerfeltz plädiert zwar für die endgültige Abschaffung der Agrarsubventionen. Mit einer Finanztransaktionssteuer für die Armen hingegen können sich weder er noch der IWF und deshalb auch nicht Angela Merkel anfreunden. Bischof Stephan Ackermann betont, dass Wirtschaft und Entwicklungsarbeit stärker verzahnt werden müssen. Wie konkret das geschehen soll, bleibt offen. Es scheint schwer, die volkswirtschaftliche Dimension der Entwicklungsarbeit in konkrete Worte zu packen.

Audio: Renée Ernst, Beauftrage für die UN-Millenniumskampagne in Deutschland, spricht über das Nord-Süd-Gefälle und sinnvolle Politik

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Zumindest Heidemarie Wieczorek-Zeul geht darauf ein, was vor Ort zunächst am sinnvollsten zu fokussieren ist. „Wir müssen die Stärkung der Frauen – also das dritte Millenniumsziel – in den Mittelpunkt setzen“, sagt die ehemalige Entwicklungshilfeministerin. „Wenn wir die Frauen stärken, können wir alle anderen Ziele schneller erreichen.“ Das Einkommen der Frauen könne zum Beispiel über Landzugang steigen. Und wenn Frauen über die Anzahl ihrer Kinder und den Zeitpunkt der Schwangerschaft frei entscheiden könnten, würde dies die Gesundheit von Müttern verbessern und zur Bekämpfung von Krankheiten beitragen.

Ein Konzept, das exemplarisch für eine sinnvolle Entwicklungshilfe stehen kann, wird in der Veranstaltung „Mikrokredite – Ecksteine zur Halbierung der weltweiten Armut“ diskutiert. Muhammed Yunus hat schon vor mehr als 35 Jahren das Konzept für Mikrokredite eingeführt. 2006 bekam er dafür den Friedensnobelpreis. Mittlerweile gibt es rund 100 Millionen Empfänger von Mikrokrediten – die meisten von ihnen Frauen. Sie haben sich als Kreditnehmerinnen bewährt. Für das Entwicklungsinstrument gibt es über politische Grenzen hinweg eine hohe Zustimmung. Dabei bewegt man sich in einem Spannungsfeld: Menschen, die vom Markt ausgeschlossen sind, soll durch ein Marktinstrument geholfen werden. Mikrokredite können dabei Millionen Menschen aus der Armut herausholen.

Im Durchschnitt liegen die Zinsen für einen Mikrokredit bei 25%. Das löst Diskussionen darüber aus, inwieweit Mikrokredite tatsächlich sozial vertretbar sind. Ging Ledesma, Managerin für Social Performance von Oikocredit International, rechtfertigt die Zinshöhe: „Soziale Organisationen, die Mikrofinanzen fördern, arbeiten in ländlichen Gebieten, die nur schwer zu erreichen sind. Damit nachhaltig gearbeitet werden kann, müssen solche hohen Zinssätze genommen werden.”

Linde Janke von Oikocredit Baden-Württemberg, einer Organisation, die schon seit mehr als 20 Jahren Mikrokredite vergibt, beschreibt Beispiele aus Uganda. Mit den Mikrokrediten schaffen es Frauen dort, durch leichte Modernisierung oder neue Produkte in der Landwirtschaft ihr Einkommen zu verbessern. Damit bekommen auch Frauen, die von der Gesellschaft ausgeschlossen sind, wieder eine Chance. Für was genau der Minikredit verwendet wird, entscheidet sich immer vor Ort und mit den Frauen zusammen. Für Oikocredit geht es nicht nur um die Kredite – sondern auch darum, den Frauen das Sparen beizubringen. Die Kreditnehmerinnen werden bei ihren Projekten begleitet, bis sie die ganze Kreditsumme zurückgezahlt haben. Dies gilt zumindest für jene Mikrofinanzinstitutionen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Und das ist längst nicht mehr bei allen Einrichtungen der Fall. „Bei vielen hat sich der Fokus verschoben. Da geht es weniger um die Förderung des einzelnen Menschen, sondern um Gewinnerzielung“, sagt Ging Ledesma. „Wir müssen immer darauf achten, dass wir vor Ort den richtigen Projektpartner haben, der die Menschen nicht noch zusätzlich schwächt, sondern tatsächlich zu einer Verbesserung im Leben der Menschen beiträgt.”

Audio: Interview(Englisch) mit Ging Ledesma, Managerin für Social Performance bei Oikocredit International

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Mikrokredite können allerdings nur ein Weg aus der Armut sein. Die Kredite richten sich an Menschen, die eine grundlegende Struktur in ihrem Leben haben, aber mittellos sind. Das schließt Hilfe für die Ärmsten der Armen aus. Hier betont Linde Janke, dass es professioneller Sozialarbeit bedürfe, um die Probleme zu bewältigen. Und die könne Oikocredit nicht leisten. „Darüberhinaus haben Mikrokredite nicht überall auf der Welt den gleichen Erfolg”, sagt Florian Grohs, Geschäftsführer von Oikocredit Osteuropa. Auch Mikrokredite müssen daher immer im Zusammenhang zu anderen Entwicklungsinstrumenten gesehen werden. Und es wird in den Veranstaltungen zum Thema auf dem Ökumenischen Kirchentag deutlich: Sollen die Millenniumsziele tatsächlich bis 2015 realisiert werden, reicht es weder, die Agrarsubventionen abzuschaffen, noch die Mikrokredite auszubauen – es muss auf jeder Ebene etwas getan werden.

Audio: Interview mit Florian Grohs, Geschäftsführer Oikocredit Osteuropa, über die Erfolge von Mikrokrediten

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