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Missbrauchsopfer Norbert Denef, Foto: Kremer

Der Kirchentag hat seinen Skandal: Ein Missbrauchsopfer stürmt die zentrale Podiumsdiskussion und klagt die katholische Kirche an. Von Sorana Jacob

„Das ist ein Lügentheater, was Sie hier veranstalten!“ Norbert Denefs Schrei füllt die ganze Halle C1 aus. Mit erhobener Faust stürmt der Vorsitzende des „netzwerkB“ für Betroffene von sexualisierter Gewalt Richtung Bühne. Sein Gesicht ist knallrot, die Hände zittern. „Sie haben versagt, treten Sie ab!“ Denef brüllt in das Gesicht von Pater Klaus Mertes, dem Mann, der im Canisius-Kolleg in Berlin die Missbräuche der katholischen Kirche als Erster thematisiert hat. Mertes hat gerade einmal die Begrüßungsworte auf der Podiumsdiskussion „Das Schweigen der Männer“ gesprochen. Doch nun lässt er sich auf den Mann ein. „Sie haben Recht: Nicht ich habe das Schweigen gebrochen, sondern die Opfer. Aber auch als einer, der versagt hat, darf ich sprechen.“ Denef aber brüllt weiter, er will nicht schweigen – nie mehr.

Der 71-Jährige ist ein Opfer sexuellen Missbrauchs der katholischen Kirche. Als Messdiener wurde er erstmals im Alter von zehn missbraucht, zunächst vom Pfarrer, der auch noch ein Freund der Familie war; später vom Organisten. Acht Jahre lang war er in dieser Hölle gefangen, wie er es nennt. Mehr als 30 Jahre hat er geschwiegen. 1993 hat er sein Schweigen gebrochen, zunächst im engsten Familienkreis. Heute will er seinem Schmerz auch öffentlich Gehör verschaffen.

„Sie wollen Aufklärung und Aufarbeitung? Warum reden Sie dann nicht mit den Betroffenen selbst, mit uns Opfern?“, fragt Denef. Direkt unter der Bühne steht er, in seinem dunklen Anzug. Zunächst ist er allein, aber nicht lange: Eine Horde von Journalisten versammelt sich um ihn. Jeder versucht, eine Aufnahme von dem tobenden Missbrauchsopfer zu ergattern. Pater Mertes blickt etwas hilflos auf die Sicherheitsleute, doch minutenlang reagiert keiner. Mertes betet seinen Vortrag weiter herunter, ignoriert alle weiteren Geschehnisse. Die tausend Leute auf ihren Papphockern im Saal sind verunsichert, keiner blickt mehr auf Mertes. „Sie reden immerzu nur von der Institution Kirche und uns Opfer lassen Sie alleine“, wirft Denef ihm weiter vor. Dazu sei der Kirchentag nicht da. Dann kommen sie doch, die Sicherheitskräfte. Sie trennen die Journalisten von dem Missbrauchsopfer. „Sie kriegen mich hier nicht weg, dann müssen Sie schon die Polizei rufen, die müssen mich abführen.“ Irgendwann geht Denef doch. Schweigen will er auch weiterhin nicht.

Im „netzwerkB“ kämpft er für andere Missbrauchsopfer, für ihr Recht. Hauptziel des Vereins ist es, die Opfer bei ihren Klagen zu unterstützen. Denn er selbst hat das bereits durchgemacht. „Mir wurde eine Entschädigung vor Gericht angeboten, anstatt den Täter zu verurteilen“, erzählt Denef in einem Exklusiv-Interview mit unserer Redaktion. Doch diese Entschädigung galt nur in Verbindung mit einer Schweigeverpflichtung. Zwei Jahre hat er gekämpft, man einigte sich schließlich auf 25.000 Euro. Das reichte aber nicht einmal für Denefs Therapiekosten.

Im Saal ist es ruhig geworden. Das Opfer spricht hinten in der Ecke des Saales mit den Journalisten, die Bühne ist frei. Doch Mertes äußert sich nicht zu den Vorfällen. Als er von der Bühne geht, klatscht das Publikum trotz des Zwischenfalls. Die Stimmung ist aufgeladen. Dann ergreift Bischof Stephan Ackermann, der Beauftragte für Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, das Mikrofon: „Ich bin erschrocken, weniger über den Verlauf bisher, als über die Worte dieses Mannes. Ich denke, er hat doch Recht: Wir sprechen hier über die Institution Kirche. Ich habe gerade das Gefühl, dass die Opfer völlig aus dem Blickfeld geraten.“

“Ich werd’s denen zeigen!”

Unsere Redaktion hat nach dem Zwischenfall auf dem Kirchentag mit Norbert Denef ein Exklusiv-Interview geführt.

1. Was geht in einem Missbrauchsopfer vor?

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Man fühlt gar nichts, man existiert nur, man funktioniert nur. Meine ganze Schulzeit hab ich nichts gespürt. Ich war nur da, ich war nur anwesend. Das Schwierigste ist zurückzublicken und zu akzeptieren: Das war so. Es war nur die Hülle, die funktioniert hat. Und darüber können nur Betroffene reden.

2. Wie hat sich der Missbrauch auf Ihr Leben ausgewirkt?

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Ich wusste: Diese Leiche da unten im Keller, die macht mich krank. Dadurch bin ich so geworden mit 40, dass ich nicht mehr existieren konnte, mit diesen Depressionen, Schlafstörungen, Schweißausbrüchen, der Arbeitssucht und Kaffeesucht, um irgendwie zu überleben. Und irgendwann bricht man zusammen. Die Schäden zu akzeptieren ist das Schwierigste überhaupt.

3. Wie haben Sie Ihren Weg gefunden? Was war Ihr Entschluss?

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Ich will wieder leben, ich werd’s denen zeigen. Dann habe ich begriffen, was dieser Papst mit mir machen wollte. Der wollte mich zum Schweigen zwingen. Und da habe ich begriffen, dass dieser Chip da oben, den man als Katholischer als kleines Baby eingepflanzt kriegt, nämlich nicht mehr zu denken, nichts mehr zu fühlen, nur noch hörig zu sein – das hatte ich dann kapiert, was da abgegangen ist. Und daraus ist mein Weg entstanden. Ich werd’s euch zeigen. Ich werde nicht aufgeben.

4. Wie haben Sie sich auf Ihre neue Rolle als Ankläger vorbereitet?

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Mit 40 Jahren war ich an meinem Tiefpunkt. Da ging nichts mehr. Ich war gezwungen, etwas zu tun, sonst wäre meine ganze Familie kaputt gegangen. Es war am Scheitern. Und irgendwann war der Entschluss da: Alles muss raus. Aber das Wie war noch lange nicht klar. Dann habe ich die Entscheidung getroffen, es soll im engsten Familienkreis sein und es sollen alle dabei sein. Ich werd’s allen auf einmal sagen. Dann habe ich den Rahmen festgelegt: 1 Jahr später, Familientreffen, am Todestag meiner Mutter, die sollte auch mit dabei sein; meine 4 Geschwister, die Angehörigen dazu, meine Frau und meine beiden Kinder. Und die beiden Täter sollten dabei sein. Vielleicht kennen Sie den Film „Das Fest“? Meine Inszenierung war besser. Da die meisten in unserer Gesellschaft keine Ahnung haben darüber, habe ich einen Vortrag ausgearbeitet. Und dann habe ich mir diesen dicken Satz aufgeschrieben auf einen Zettel: „Ich wurde sexuell missbraucht“ – das war der wichtigste Satz meines Lebens. Und diesen habe ich ein Jahr lang vor dem Spiegel geübt, immer heimlich, damit das niemand weiter mitkriegt. Und das habe wie so ein Schauspieler geübt, die Rolle.



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